Puppen sind doch nicht für Jungs

Bilderbuch - Puppen sind doch nichts für JungenOb die Tante wusste, was sie mit ihrem Geschenk anrichtet? Eine Puppe aus Stoffresten, die sie einem Jungen schenkt. Er nennt sie Mimi, nimmt sie überall mit hin und kümmert sich um sie.

Am liebsten würde er sie mit in die Schule nehmen. Doch da platzt dem Vater der Kragen: Mein Sohn tut so etwas nicht. Puppen sind nichts für Jungs.

Das Bilderbuch bietet jede Menge Anknüpfungspunkte für Gespräche. Das ist sicherlich seine Stärke, doch das ist auch gleichzeitig seine Schwäche. Es fehlt an einer griffigen Geschichte, mit der ein Kind sich identifizieren könnte.

Erzählt wird aus der Perspektive des älteren Bruders. Er ist in dieser Geschichte der Vernünftige. Er moderiert, gleicht aus und vermittelt zwischen seinen Eltern genauso wie zwischen seinem kleinen Bruder und seinen Eltern. Das sind sehr erwachsene Aufgaben, die er hier übernimmt. Ich fürchte, dass viele Kinder diese Rolle kennen. Gerade deswegen fehlt mir der Hinweis, dass das, was der Junge leistet, nicht dem normalen Kinderleben entsprechen sollte.

Andererseits ermöglicht diese Erzählperspektive, dass alle Meinungen, Befindlichkeiten und Blickwinkel sichtbar gemacht werden können. Die schräge Tante, die die Puppe verschenkt, ahnt vielleicht gar nicht, was sie damit anrichtet. Vielleicht aber doch. Der kleine Bruder möchte einfach nur spielen und sich um seine Puppe kümmern. Der Vater ist jenseits aller Vernunft einfach nur gegen dieses unerwartete Spielzeug und verheddert sich in unreflektierten Vorstellungen von Männlichkeit. Die Mutter liebt ihre kleinen Jungs und den großen Jungen, ihren Mann, der so unerwartet heftig reagiert. Doch das, was da ausgefochten wird, ist nicht ihr Kampf. Sie hält sich zurück.

So ist es der ältere Junge, der tut, was ein Mann tun muss, und das Problem löst. Werkzeugkasten und Puppe werden im Spiel verbunden.

Es sind die Illustrationen, die die Spannungen auflösen. Mit leichtem Strich und viel Humor wird zwischenmenschliche Nähe, Verständnis und Wärme erzeugt. Daher empfinde ich das Bilderbuch als genauso sympathisch wie komplex.

Schulkind oder Kindergarten-Kind?

In einem Punkt erscheint mir die Übersetzung unlogisch. So, wie der kleine Junge spielt und sich um die Puppe kümmert, würde ich sagen, dass er noch in den Kindergarten geht. Doch die Geschichte beginnt zu eskalieren, als er seine Puppe mit in die Schule nehmen möchte. Für ein Schulkind ist das ein ungewöhnlicher Wunsch. Für ein Kindergarten-Kind jedoch ein normaler. Ist mit Schule vielleicht die Vorschule, die Phase zwischen Kindergarten und Grundschule gemeint?

Puppen sind nicht für Jungs? In meiner Kindheit war das anders.

Als ich Kind war – ich bin Jahrgang 1968 – hatten alle Jungs in meinem Freundeskreis eine Puppe. All diese Puppen hatten lange Haare, sie waren Mädchen. Manche der Jungs liebten ihre Puppe, bei anderen saß sie nur im Regal bei den Stofftieren. Doch so oder so – die Puppe gehört zum Kinderalltag dazu.

Mädchen, die einen Werkzeugkasten hatten, kannte ich damals jedoch nicht. Mein Vater war Ingenieur, ich hatte sehr viel Lego. Damit war ich eine Ausnahme unter den Mädchen. Lego gespielt habe ich jedoch nur mit den Jungs. Vielleicht war das Zufall, denn ich habe sowieso mehr mit Jungs als mit Mädchen gespielt. Aber ich fürchte, es war kein Zufall.

Wie war das bei Euch?

Infos zum Bilderbuch:

Ludovic Flamant und Jean-Luc Englebert
Puppen sind doch nichts für Jungen!

Picus Verlag
ISBN: 978-3-85452-197-6

 

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