Das Wunder der wilden Insel

Kinderbuch: Das Wunder der wilden Insel von Peter Brown - ein Roboter auf einer menschenleeren Insel in einer Gesellschaft von Tieren

Kinder wachsen heute in einer Welt auf, die genauso von Technik wie von Natursehnsucht geprägt ist. Dieses Kinderbuch verbindet beide Welten – ohne einer davon den Vorzug zu geben. Das und die liebenswerten Charaktere machen es zu einem Kinderbuch, bei dem ich mir wünsche, dass es ein Klassiker wird.

Bei einem Sturm verliert ein Containerschiff Kisten. Fünf davon werden an eine Insel gespült. Vier zerschellen in der Brandung, nur eine bleibt heil. Neugierige Otter finden die Kiste, öffnen sie und aktivieren aus Versehen den fabrikneuen Roboter.

Für Roz, so der Produktname des Roboters, ist alles neu. Sie – ja, es ist eine Protagonistin – macht das, wofür sie programmiert wurde: sie lernt. Zuerst erkundet sie die Geographie der Insel, auf der keine Menschen, aber sehr viele Tiere leben. Dann erfährt sie, was Wetter ist und lernt, damit umzugehen. Sie beobachtet die Tiere.

Es ist nicht alles friedlich und harmonisch auf der Insel. Ganz im Gegenteil. Die Stürme sind heftig, der Wald undurchdringlich. Die erste Frage, die sich die Tiere stellen, lautet: will mich das Monster fressen?

Will es nicht, es will aber auch nicht alleine bleiben. Ein Roboter ist nicht darauf programmiert, Einzelgänger zu sein.

Roz beobachtet, lernt, ahmt nach, macht sich nützlich. Sie tut, was ein Roboter tun muss, und das in einer Umgebung, auf die sie nicht vorbereitet ist, umgeben von Wesen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Doch sie lernt die Sprache der Tiere, sie findet Freunde und gründet eine Familie. Dann, als sie die Insel verstanden hat, muss sie eine Entscheidung treffen, in der alle Themen des Buches noch einmal gebündelt werden.

Doppelseite aus dem Kinderbuch: Das Wunder der wilden Insel. Der Roboter Roz mit allen Tieren.

Wie passt ein Roboter in eine Gesellschaft von Tieren?

Jeder Leser könnte das Kinderbuch Das Wunder der wilden Insel von Peter Brown einfach so herunter lesen und sich an den wunderschönen Illustrationen erfreuen. In dem Buch steckt eine spannende Abenteuergeschichte, ein Tierbuch für Forscher und Entdecker und eine Freundschaftsgeschichte.

Ich bin mir jedoch sehr sicher, dass genau diese weg-schmökern und zur Seite legen nicht passieren wird. Dafür verknüpft Peter Brown zu klug grundlegende menschliche Fragen mit seiner Erzählung und bietet dem Leser zu viele Möglichkeiten, die Geschichte in seiner eigenen Fantasie fortzuführen.

Die Frage nach dem Verhältnis von Natur und Technik ist die naheliegendste. Doch Peter Brown streift von Klimaerwärmung bis Fremdenhass und Integration so viele aktuelle Themen, die auch Kinder brennend interessieren. Die Frage, die mich am meisten überrascht hat war: was sind typische Verhaltensweisen und was muss geschehen, damit jemand sein Verhalten ändert?

Dabei schreibt der Autor niemals eine bestimmte Herangehensweise oder Deutung vor. Sein Buch ist eine Einladung zum selbst denken.

Die Illustrationen sind im Fluss der Geschichte willkommene Ruhepunkte. Der Roboter bleibt schemenhaft; nicht zu technisch und nicht zu menschlich. Ein Zwischenwesen, auf das der Leser seine Vorstellung von Technik projizieren kann. Doch er kann sich auch mit Roz identifizieren und die Geschichte aus ihrer Sicht miterleben.

Die Tiere schauen dem Leser sehr häufig ins Gesicht, als wollten sie sagen: „Heh Du, auf der anderen Seite des Buches – was machst Du da? Komm her und zeige uns, wie Du Dich verhalten hättest!“

Genau das ist die Kernfrage des Buches: schau, so funktioniert das System. Wo ist dein Platz darin, wie hättest Du Dich verhalten und was sollte anders laufen?

Einziger Wermutstropfen ist für mich der typisch amerikanische Showdown zum Schluss. Optimal, um das Buch als Zeichentrickfilm umzusetzen, aber mein europäisches Leserinnen-Herz fragt sich: tut das not?

Doch ich wünsche dem Buch, dass es ein Klassiker der Kinderliteratur wird und auch noch in 20 Jahren die Herzen der Leser erfreuen wird. Das Potenzial dazu hat es!

Weitere Infos zum Kinderbuch:

Kinderbuch Wunder der wilden Insel - auf meiner Couch mit Lesebrille

Peter Brown

Das Wunder der wilden Insel
Mit Illustrationen von Peter Brown

Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

empfohlen für Kinder ab 10 Jahren

CBT Verlag
ISBN: 978-3-570-16483-9

 

Im Buchhandel erhältlich zum Beispiel bei Schmitz Junior oder bei mojoreads.

Rezensionen findet Ihr zum Beispiel bei Paper und Poetry. Eine ganz zauberhafte Besprechung der 9-jährigen Alma könnt Ihr hier bei Tyrolias Welten lesen.

Gerade weil das Thema Umgang mit Fremden und Integration nicht im Vordergrund der Geschichte steht, passt dieses Buch ganz hervorragend auf meine Liste der Bilderbücher und Kinderbücher für mehr Toleranz.

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